Evas - Maghier - Nackten

Didier Maghe oder die Verherrlichung des Fleisches.


Wer sind sie? Woher kommen sie? Was machen sie? Alles Fragen, die einem spontan in den Sinn kommen, wenn man zum ersten Mal den üppigen Wesen auf den Gemälden von Didier Maghe gegenübergestellt ist. Wie Prunkstücke tragen diese Männer und Frauen mit den vorspringenden Rundungen ihre sexuellen Attribute.
Hoch, für jeden sichtbar und nicht immer dort, wo man sie erwarten würde. So beobachten wir auf dem Kopf der Maghier einen Phallus wie eine Antenne in die Höhe ragen, eine gut dargestellte Anlage mit Symbolwert. Die Evas, die weiblichen Pendants zu diesen exzentrischen Wesen, enthüllen und stellen ihre großzügigen Formen ungeniert und ohne falsche Scham zur Schau. Manche schauen uns eindringlich an und zögern nicht, dabei Ferngläser zu benutzen, die uns neben unserer Zuschauerrolle auch unsere Rolle als Voyeur plötzlich bewusst werden lassen. Andere wiederum scheinen uns zu ignorieren. Über ihre beeindruckenden Fleischmassen und ihrer Weiblichkeit hinaus erreicht uns der herausfordernde Blick dieser monolithischen Gestalten, des sogenannten "schwachen" Geschlechts, das hier übermächtig geworden scheint.

Die Sexualität, sublimiert und allegorisch, ist ein wesentlicher Bestandteil der Welt der Evas und Maghier. Diese seltsame Welt scheint ganz auf einer Art Gleichgewicht zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prinzip zu beruhen, als ob beide Extreme sich in einer gegenseitigen Bestätigung ihrer Eigenheiten zusammenschließen könnten, ohne zu viele Zugeständnisse weder im einen noch im anderen Sinne zu machen. Diese Wülste bildenden Gestalten strahlen Lust, Freude und Sorglosigkeit aus. Wenn man sich nicht zu sehr mit dem im Zeichen der Anorexie stehenden gegenwärtigen Schönheitsideal aufhält, erscheinen diese Gestalten einem sympathisch und total unschuldig. Keine Nebensächlichkeiten und wenig Details. Landschaft und Umwelt sind abwesend, abgesehen von einem festen Boden unter ihren riesigen Füßen und diese hartnäckige Skala von Ocker, Orange und Gelb, von denen der Künstler in seinen letzten Gemälden einigermaßen Abstand zu nehmen scheint.

Ohne dass Didier Maghe die Konturen eines Paradieses zeichnen möchte - seine Engel hätten wirklich Mühe, einen mächtigen Aufschwung zu nehmen -, hat er nichtsdestoweniger eine andere Realität vor Augen, die meilenweit von dieser fortrasenden Epoche entfernt ist, unter der Heuchelei und Frustration die einfache Schönheit des Daseins ununterbrochen versuchen zu vertuschen. Glück liegt nicht in Griffnähe, es befindet sich auch in der Befragung und die Fragen, die Didier Maghe mit seinen Gemälden aufwirft, zwingen uns zu überlegen, rütteln uns wach, verwirren uns, aber sind keineswegs schockierend. Hinter ihrem massiven und seltsamen Erscheinungsbild verbirgt sich zuviel Feinfühligkeit, um sich durch sie bedroht zu fühlen. "Ich breche gerne Tabus, bin aber niemandem übelgesinnt. Sie fallen vielleicht von oben her, landen jedoch sanft."

Da Didier Maghe darum besorgt ist, einer Gesellschaft, die durch Individualismus und Abkapselung in den zwischenmenschlichen Beziehungen zugrunde geht, noch einigermaßen einen Sinn zu geben, schöpft er aus seinem unersättlichen Kreationsdrang die Kraft, die schlichte Anklage zu übertreffen. Mit Humor, der sich manchmal dem Spott annähert, mit einer unendlichen Zärtlichkeit, die seinen Scharfsinn belegt, kommt er in seinen kraftvollen Gemälden zum Ausdruck, in denen Stoff und Bewegung dominieren, wir jedoch neben der anwesenden Kraft ebenfalls ein wenig Zerbrechlichkeit verspüren. Diese fleischigen Riesen, außer der Tatsache, dass sie die schwierigen Beziehungen zwischen Mann und Frau verkörpern, haben gleichzeitig etwas Beruhigendes, das sich schwerlich beschreiben lässt. Sie rufen die Erinnerung an eine ruhige Kraft wach, die jede Form von Gewalt in eine ferne Vergangenheit verbannen könnte, und unerschütterlich auf das menschliche Schauspiel hinunterblickt.

Obwohl das Nackte für Didier Maghe immer eine Selbstverständlichkeit gewesen ist, hat sich dieses Universum bei seinem Schöpfer nicht von heute auf morgen in seinem Werk offenbart. Dies ist das Ergebnis eines von unterschiedlichen Phasen geprägten Reifungsprozesses, das bis zu seiner gegenwärtigen Kunst und Botschaft geführt hat. Als Diplomierter in Zeichnung und Malerei von der "Académie des Beaux-Arts" (Kunstakademie) in Binche hat er sein Lieblingsthema während zwei Jahren in der "Académie des Beaux-Arts" von Charleroi perfektioniert. Der Körper hat eine Dimension genommen, die weit über den Rahmen der anatomischen Forschung hinausgeht. Er ist die Stelle, an der das Leben seine Wunden hinterlässt, aber gleichzeitig die Fülle des Daseins in seiner breitesten Bedeutung und vor allem ein wunderbares Ausdrucksmittel, das dem Künstler ermöglicht, die menschliche Seele ohne Umschweife zu erforschen und die Bilanz unserer Ängste, Frustrationen, Freuden und Begierde aufzustellen.

Es gab eine Zeit, in der Didier Maghe sich von finsteren, undurchdringlichen und von Traurigkeit durchdrungenen Kompositionen verführen ließ, eine Art existentieller Expressionismus in Helldunkel, dem es an farbenfreudigem Optimismus fehlte. Aus dieser Periode stammen sein Gefallen an Stoffen in Überfluss und sein lebhafter Pinselstrich. Wegen seiner Vorliebe für üppige Formen und der Modellierfähigkeit des Fleisches, das er wie Wachs bearbeitet, hat der Maler aus dem menschlichen Körper seine Spezialität gemacht, und zwar in einer gleichzeitig humanistischen und sinnlichen Annäherung, die jedoch nicht ohne Begierde ist. Noch bevor die Welt der Evas und Maghier in seiner Einbildungskraft entstanden, hatte er bereits die Geheimnisse des Lichtes und der Farbe erkundet. Nach einigen Jahren haben sich seine Nackten gänzlich von allen Normen befreit. Durch ihre übermächtige Anwesenheit haben sie das Gemälde wahrlich aufgebrochen.

Parallel zur systematischen Forschung dieser seltsamen und faszinierenden Welt fährt Didier Maghe unvermindert mit dem Malen und Skizzieren von Nackten nach lebendigem Modell in seiner Werkstatt von Morlanwelz fort. Der menschliche Kontakt ist bei ihm ein wesentlicher Faktor für seine Schöpferkraft, denn er stellt die Inspirationsgrundlage für künftige Werke dar. Unabhängig vom Geschmack kann man aus diesem Grund von diesem Werk, das in erster Instanz eine intime und dauerhafte Beziehung mit dem Zuschauer erzielen möchte, zweifellos nicht unberührt bleiben. 

Übersetzer J-P Beckers     Mai 2004